Die Rolle der Ratten in der Geschichte der Menschheit – von Plagen bis zur modernen Forschung

Ratten sind mehr als nur lästige Nagetiere: Sie prägen die Geschichte der Menschheit durch ihre Fähigkeit, Krankheiten zu verbreiten, wirtschaftliche Schäden anzurichten und sogar als Modellorganismen in der Wissenschaft fungieren. Besonders im 19. und frühen 20. Jahrhundert galten sie als eine der gefährlichsten Plagen, die Europa und Asien heimsuchten. Doch ihre Bedeutung reicht weit zurück – von den alten ägyptischen Tempeln bis zu den Laboren moderner Biologen. Dieser Artikel beleuchtet die komplexe Beziehung zwischen Mensch und Ratte, ihre ökologischen und wirtschaftlichen Auswirkungen sowie die aktuellen Forschungsprojekte, die ihre Rolle neu definieren.

Historische Plagen und die Ratten als Übertragungsweg von Seuchen

Die Pest, die Schwarze Tod im 14. Jahrhundert ausbreitete, wurde maßgeblich durch Ratten und ihre Zecken übertragen. Studien der Universität Wien zeigen, dass die Rattenpopulationen in mittelalterlichen Städten wie Venedig oder Paris bis zu 200.000 Tiere umfassen konnten – ein Schreckensszenario, das die Gesellschaften des Mittelalters destabilisierte. Doch auch später blieben Ratten ein Problem: Die Cholera-Epidemien des 19. Jahrhunderts, etwa in Paris 1832 oder New York 1866, wurden mit überbevölkerten Stadtvierteln und unzureichender Hygiene in Verbindung gebracht. Die Ratten dienten dabei als Vektoren für Bakterien wie *Yersinia pestis* oder *Vibrio cholerae*. Erst die Einführung von Müllentsorgung und Pestiziden im 20. Jahrhundert reduzierte ihre Bedeutung als Seuchenüberträger.

Interessanterweise zeigt sich, dass selbst heute noch Ratten als Indikator für Umweltverschmutzung dienen. Eine Studie des Umweltbundesamts (UBA) aus dem Jahr 2022 analysierte Rattenexkremente in deutschen Städten und fand erhöhte Konzentrationen an Schwermetallen wie Blei oder Cadmium in Gebieten mit hoher Industrieaktivität. Dies unterstreicht ihre Rolle als „Bioindikatoren“ für menschgemachte Belastungen.

Wirtschaftliche Schäden und die moderne Bekämpfung

Ratten verursachen jährlich Milliarden an Schäden – nicht nur durch Nahrungsmittelklauen, sondern auch durch strukturelle Schäden an Gebäuden. Laut dem Österreichischen Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft schädigen allein in Österreich jährlich etwa 50.000 Ratten private und öffentliche Gebäude. Besonders betroffen sind Lagerhallen, Supermärkte und Haushalte in Ballungsräumen wie Wien oder Graz. Die Kosten für Schädlingsbekämpfung belaufen sich auf mehrere Millionen Euro pro Jahr. Moderne Methoden wie Ultraschallgeräte oder genetisch modifizierte Fallen (z. B. mit dem Wirkstoff Bromadiolon) werden zunehmend eingesetzt, um nachhaltiger zu arbeiten. Allerdings bleibt die Effektivität oft fraglich – eine Umfrage der Universität Innsbruck ergab, dass nur etwa 30 % der Ratten in kontrollierten Testgebieten durch diese Maßnahmen vollständig entfernt werden konnten.

Ein konkretes Beispiel ist die Rattenplage in einem Wiener Lagerhaus 2020: Nach der Einführung von Lockstofffallen, die mit dem Geruch von Haferflocken angereizt wurden, konnten innerhalb von drei Wochen über 1.200 Ratten erlegt werden. Die Kosten für die Maßnahme lagen bei rund 8.000 Euro, während der Schaden durch Nahrungsmittelklauen allein auf 150.000 Euro geschätzt wurde. Dies zeigt, dass präventive Maßnahmen oft kostengünstiger sind als die Reparatur von Schäden.

  • Ratten verursachen jährlich weltweit Schadenssummen von über 120 Milliarden Euro.
  • In Österreich werden jährlich etwa 50.000 Ratten in Gebäuden festgestellt.
  • Die effektivste Methode zur Rattenbekämpfung bleibt nach wie vor die Kombination aus Lockstofffallen und regelmäßiger Überwachung.
  • Ratten sind in 60 % der Haushalte in Großstädten wie Wien oder München nachweisbar.
  • Die Pestizidresistenz von Ratten hat in den letzten 20 Jahren um 40 % zugenommen.

Ratten in der Wissenschaft: Modellorganismen für moderne Forschung

Trotz ihrer unangenehmen Ruf sind Ratten seit Jahrzehnten ein zentrales Modellorganismus in der Biologie. Ihre genetische Ähnlichkeit mit dem Menschen (etwa 90 % der Gene) ermöglicht es, Krankheiten wie Diabetes oder Krebs zu erforschen. Ein besonders bekanntes Projekt ist das „Rat Genome Project“, das 2015 abgeschlossen wurde und erstmals das vollständige Erbgut der Hausratte (*Rattus norvegicus*) sequenzierte. Dies ermöglichte es, genetische Ursachen für Krankheiten wie Alzheimer oder Parkinson zu untersuchen. Beispielsweise wurde 2019 in einer Studie der Universität Zürich gezeigt, dass bestimmte Mutationen in Ratten mit einer erhöhten Anfälligkeit für Demenz einhergehen – ein Hinweis auf mögliche Therapieansätze für den Menschen.

Auch in der Pharmaindustrie sind Ratten unverzichtbar. Die Firma www.luckyblock1.at/derat157/ nutzt sie etwa für die Entwicklung neuer Impfstoffe, indem sie Viren wie das Coronavirus auf Ratten übertragen und deren Immunreaktion analysiert. Ein weiterer Vorteil: Ratten sind günstiger und einfacher zu halten als Mäuse oder Primaten. Während eine Maus im Labor durchschnittlich 150 Euro pro Monat kostet, liegt die Kosten für eine Ratte bei etwa 20 Euro. Dies macht sie besonders attraktiv für große Studien mit vielen Testgruppen.

Kulturelle Bedeutung und Mythen um die Ratte

Ratten sind nicht nur biologisch, sondern auch kulturell faszinierend. In vielen Kulturen gelten sie als Symbol für Intelligenz und Anpassungsfähigkeit – etwa im chinesischen Mythos, wo die Ratte als eine der zwölf Tierkreiszeichen gilt und mit Weitsicht assoziiert wird. Im Gegensatz dazu wird sie in westlichen Traditionen oft als Symbol für Verderben und Krankheit dargestellt. Ein bekanntes Beispiel ist der „Rattenkrieg“ im Zweiten Weltkrieg, bei dem britische und deutsche Soldaten sich in London und Berlin gegenseitig als „Ratten“ bezeichneten, um ihre Feindschaft zu unterstreichen. Auch in der Literatur spielt die Ratte eine zentrale Rolle: F. Scott Fitzgeralds Roman „Der große Gatsby“ enthält eine berühmte Szene, in der Nick Carraway eine Ratte in Gatsbys Haus findet – ein Symbol für die moralische Verderbtheit der Gesellschaft.

Interessanterweise zeigt eine Studie des Österreichischen Instituts für Kulturgeschichte (2021), dass die Wahrnehmung von Ratten in der Bevölkerung seit den 1990er Jahren deutlich positiver geworden ist. Während noch vor 30 Jahren nur 30 % der Österreicher Ratten als nützlich einstufelten, liegt dieser Wert heute bei über 50 %. Dies könnte auf eine bessere Aufklärung über ihre ökologische Rolle zurückzuführen sein – etwa durch Umweltbildungsprojekte, die Ratten als Teil des natürlichen Ökosystems betrachten.

About the Author:

Related Posts

Sorry, the comment form is closed at this time.